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Gefährliche Worte in Deinem Wortschatz

Ich liebe dich. Mit diesem Auftakt hast Du nicht gerechnet, was? Aber ich wette, diese drei unscheinbaren Worte lassen Dich alles andere als kalt: Wann hast Du sie das letzte Mal gehört und wer hat sie zu Dir gesagt? Erinnere Dich daran, wie die Augen Deines Gegenübers von Liebe erfüllt waren. Wie war der Gesichtsausdruck? War da ein freches Augenzwinkern oder ein sanftes Lächeln? Bestimmt weißt Du noch genau, was Du in diesem Moment gefühlt hast – Geborgenheit, Freude, Liebe.

Ist Dir aufgefallen, wie ich mit dieser Show eben Dich in eine Erinnerung versetzt und somit Deine Gefühle beeinflusst habe? Worte berühren uns. Überraschung, Freude, Liebe – ein bunter und doch positiver Empfindungscocktail. Für einen ähnlichen, allerdings negativen Effekt hätte ich Dich auch mit "Ich hasse Dich" empfangen können. Deine Reaktion wäre wohl Empörung oder Wut gewesen. Kannst Du Dir vorstellen, dass wir uns alle tagtäglich gegenseitig beeinflussen und dass zumeist, ohne dass jemand es bemerkt? Ziemlich beängstigend. Nicht? Ich finde schon. Vor allem solltest Du an jemanden geraten, der sich in der Kunst der Wortmanipulation versteht und seinen Nutzen daraus zieht. Noch nicht überzeugt? Solche Menschen laufen einem schließlich nicht Tag ein Tag aus über den Weg. Sicher? Was, wenn Du nicht bemerkst, wie Du beeinflusst wirst? Ist Dir trotzdem egal? Okay ist schließlich Dein Bier. Ganz sicher? Schön. Willst Du nicht wenigstens kurz darüber nachdenken? Apropos, scharf nachdenken – hast Du es bemerkt? Ich habe schon wieder versucht, Deine aktuelle Gefühlswelt zu beeinflussen. Diesmal lief es wahrscheinlich auf Angst, Nervosität oder Wut hinaus.

First things first: Schüttle Dich aus. Das löst die Emotionen, durch die ich Dich vielleicht dirigiert habe. Klasse, dass Du dieses Experiment – wenn auch ungefragt – mitgemacht hast. Du bist spitze! Übrigens, wenn Du Lust hast, dann hau in die Tasten und hinterlass einen Kommentar. Mich interessiert, ob meinen Gedankenexkurs Deine Gefühlslage beeinflusst hat und wenn ja, ist Dir vorher aufgefallen, was ich da gerade für ein Spiel treibe? Dieses Experiment verdeutlicht jedenfalls, welche Macht Worte über unsere Emotionen haben. Jeder passable Roman vermag das Gleiche. Wie wir Sprache verwenden, schafft Realität. Wow, eine erdrückende Erkenntnis, für jeden der bedenkt, dass Sprache uns alltäglich umgibt und somit unser Denken, Fühlen und Tun in jedem Augenblick beeinflusst – zumindest ging es mir so.

Man kann nicht nicht kommunizieren!

Paul Watzlawick

Wörter beeinflussen

Da nun auch Du weißt, dass Worte Dich und Deine Psyche beeinflussen. Ist es an der Zeit, den nächsten Schritt zu tun. Wer den Effekt seiner Worte vernachlässigt, wird sein mühsam erarbeitetes, positives Mindset früher oder später einstürzen lassen, wie eine Erschütterung ein Kartenhaus – selbst verschuldet und das, durch den Gebrauch eines einzigen Wortes.

Ich weiß: Du hast Dein Mindset feinsäuberlich aufgebaut, viel Zeit und Elan investiert – wie soll ein Wort es bis auf seine Grundmauern niederreißen? Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, das funktioniert schneller, als mir lieb Ist und Dir geht es, nach meinem Gedankenexperiment zu Beginn dieses Beitrags, wahrscheinlich genauso. Also, los geht's!

In den Papierkorb damit

Gefährliche Wörter, die Du im Alltag vermeiden solltest

Nein, oder doch?

Eigentlich wäre ich lieber draußen und würde mir die Sonne ins Gesicht scheinen lassen – und da bleibt das große Fragezeichen, ob ich nicht kann, sollte oder ob ich mich einfach nicht dazu aufraffe. Das Wort "eigentlich" verwischt unsere Absicht und lässt Spielraum für Interpretation. Dieser Raum kann im Gegensatz zu einer Kaugummiblase so weit ausgedehnt werden, dass sich der Sinn des Gesagten ins Gegenteil verkehrt: Aber das ist eigentlich nicht weiter dramatisch, wer stört sich schon an einem bitteren Nachgeschmack.

Eigentlich

Oh, sh*t!

Wer kennt das nicht, knapp daneben ist eben auch vorbei – Eben nicht! Erstens habe ich noch nie einen Meister vom Himmel fallen sehen und zweitens ist irren menschlich. Fehler zu machen ist absolut in Ordnung, solange Du daraus lernst. Würden mehr Menschen nach der Try-and-Error-Mentalität leben, wäre der Klimawandel längst Geschichte und wir würden in einer Welt voller Einhörner und Zuckerwattewolken leben – zumindest wären wir viel näher dran.

Fehler

Du bist, was Du Dir sagst

Ich bin _________ . Was immer Du daran anhängst, ist eine machtvolle Wortkombination. Besonders fatal, wenn sie mit einem negativen Zusatz ergänzt wird. Egal ob müde, am Ende, ein Versager oder Idiot – alles, was Du an diese beiden Worte anführst, das bist Du auch. Es manifestiert sich, verknüpft sich mit Deiner Identität, wird Wirklichkeit. Was auch immer Du Dir anlastest, reflektiere, lern daraus und mach Dich nicht kleiner, als Du bist.

Ich Bin

Unüberwindbare Hürden

Vor einem großen Problem zu stehen ist ungefähr so, als versuche eine kleine Maus, ein 30-stöckiges Hochhaus zu erklimmen. Hört sich anstrengend an. Ist es auch. Wer eine Schwierigkeit als Problem interpretiert, macht sich zur Maus und die Schwierigkeit zum gigantischen Gebäude, das beinah nicht zu bezwingen ist. Und damit schafft man sich wirklich ein riesiges Problem.

Problem

Nicht 100 % geben

Versuch die Leerschlagtaste auf Deiner Computertastatur anzusehen. Du wirst feststellen, dass es unmöglich ist – entweder Du schaust die Taste an oder eben nicht. Ebenso verhält es sich mit allem Anderen im Leben: Versuchen, sein Bestes zu geben, geht nicht. Entweder Du gibst alles oder eben nicht.

Versuchen

Nicht jetzt

"Später" ist wohl der gefürchtete, schwarze Ritter unter den gefährlichsten Wörtern. Es bringt uns dazu, Wichtiges zu vertagen und uns mit Dringlichem oder gerade Interessanterem, allerdings Unwichtigen zu befassen. Damit nicht genug. Dieses Wort hat fiese Tarntechniken in petto, also aufgepasst!

  • Das mache ich morgen.
  • Nachdem ich dies und jenes.
  • Ich habe es ganz fest vor.
  • Das ist gerade nicht der richtige Zeitpunkt.

Später

Vielleicht, sofern ich damit beginne

Wenn das Wörtchen wenn nicht wär, wär ich schon lange Millionär. Das Unterbewusstsein sagt sich: "Wenn muss nicht unbedingt eintreten, es ist näher an falls als, an tun". Somit schwingt sich wenn zu der herrlichen Ausflucht auf, um etwas auf später oder nie zu verschieben.

  • Wenn ich dies und das erreicht habe, erst dann kann ich mit diesem und jenem beginnen.
  • Wenn ich durchgeplant habe, geht's richtig los.
Wenn

Anomalien, die wir persönlich nehmen

Es gibt Wortkombinationen, die sind für die rund 7,5 Milliarden Menschen dieser Welt harmlos. Das nutzt Deinem positiven Mindset allerdings wenig, wenn diese eine Wortgruppe Dich negativ beeinflusst. Warum auch immer, wenn ich mir sage, dass ich jetzt etwas Gewisses unbedingt tun muss, wähle ich immer dieselbe Strategie: Abwarten und Tee trinken. Morgen beginne ich dann, vielleicht. Diese Anomalien sind besonders gemein, da die erste Herausforderung schon mal darin besteht, sie im Wörterjungle überhaupt ausfindig zu machen.

Exot

Eisberge umschippern

Wie du gefährliche Wörter vermeidest

Gern würde ich behaupten, es sei kinderleicht, Wörter aus seinem Wortschatz zu streichen – allerdings wäre das gelogen. Es ist alles andere als einfach. Ganz und gar nicht. Unser Gehirn ist aus Evolutionsgründen so gestrickt, dass es den Weg mit dem geringsten Widerstand wählt. Das spart Unmengen an Energie, die zu einem späteren Zeitpunkt überlebenswichtig sein könnte. Eine Gewohnheit ist nichts anderes als ein bereits erlernter und bis ins Detail perfektionierter Ablauf, sodass er von unserem Gehirn unterbewusst verarbeitet wird und somit wenig Leistung zieht. Vielleicht fragst Du Dich, warum ich Dir von Gewohnheiten erzähle, wo Du Dich für die gefährlichen Wörter in Deinem Wortschatz interessierst? Nun, mal einfach gesagt, ist Dein aktiver Wortschatz bloß die Ansammlung an Wörtern, die Du täglich nutzt. Also die Wörter, deren Gebrauch Du Dir gewohnt bist. Und da ist sie: Die Gewohnheit und der Grund, warum es schwer wird, die gefährlichen Wörter aus Deinem Wortschatz zu tilgen. Schwer, aber möglich.

  • 1. Regel

    Intension im Kopf haben

    Warum nimmst Du diesen Aufwand auf Dich? Diese Frage will beantwortet werden, und zwar schriftlich. Mehrere Studien – beispielsweise die Studie von Jordan Peterson – zeigen, dass wir unsere Ziele wahrscheinlicher erreichen, wenn wir unsere Ziele vorher verschriftlichen. Da Dein warum Dein Raketenantrieb ist, schnapp Dir Zettel sowie Stift und kritzel Deine Antwort nieder. Häng Deine neue Errungenschaft irgendwo auf, wo Du sie täglich mehrmals siehst. Vielleicht machst Du ein Foto davon und Deine Intension wird Dein neuer Handyhintergrund – pupsegal, solange Du Dein Warum ständig im Kopf hast.

  • 2. Regel

    Sage, was Du meinst

    Es ist erschreckend, wie viele Menschen Worte verwenden, die etwas anderes bedeuten, als sie dachten. Vor allem bei der Interaktion mit Anderen kann das echt ins Auge gehen. Hier einige Beispiele:

    • Scheinbar: ein Sachverhalt, der nur zum Schein – nicht wirklich – eingetreten ist.
    • das Gleiche vs. dasselbe: "das Gleiche" ist etwas sehr ähnliches. "dasselbe" ist allerdings absolut genau dasselbe.
    • AGBs: Wolltest Du wirklich allgemeine Geschäftsbedingungens sagen
  • 3. Regel

    Vorsicht vor Sender-Empfänger-Differenzen

    Der Teufel steckt nicht nur im Detail, ebenso in der Konnotation. Ein Wort, das in der Sprachwissenschaft wurzelt und dem zu wenig Beachtung zukommt. Die Konnotation beschreibt die Nebenbedeutung eines Wortes, also das, was bei der Verwendung eines Begriffs bewusst oder unbewusst mitschwingt. Wörter sind im Grunde weder positiv noch negativ. Von einem "komischen Kauz" nimmt die ganze Welt gen mal Abstand. Ironischerweise war "komischer Kauz" eines der charmantesten Komplimente, das jemand in meiner Gegenwart gemacht hat. Es war mit einem Augenzwinkern verpackt und gezollt wurde Anerkennung für eine unerwartete und kreative Denkweise. Allerdings kommt hinzu, dass jeder andere Erfahrungen und Geschichten in sich trägt. Etwas, das Positiv gemeint war, kann Negativ ankommen. Ihr seht: Die Wirkung von Worten ergibt sich aus der Absicht des Sprechers und Interpretation des Empfängers. Sei also aufmerksam und beobachte, ob Dein Gegenüber aufgefasst hat, was Du wolltest.

  • 4. Regel

    Hab einen positiven Fokus

    "Ich habe ein riesiges Problem", hört sich Mist an, nicht? Ist es auch. Vor allem wenn Du Dein positives Mindset aufrechterhalten möchtest. "Ich brauche eine Lösung", ist die klügere Wahl.

    • Ich bin müde vs. Ich fühle, wie sehr ich mich heute eingesetzt habe
    • Ich befürchte, es geht schief vs. Es wird schon irgendwie gehen
    • Ich kann das nicht vs. Noch weiß ich nicht wie, aber ich arbeite dran

    Sind Kritiker unter uns? Nicht so schüchtern, Euch habe ich am Liebsten! Der Fokus eines Kritikers liegt darauf, ob eine Aussage Sinn enthält und inwiefern dieser realitätsbezogen ist – mit Regel 4 tue ich nichts anderes. Ich plädiere nicht für eine verklärte Sicht auf die Realität. Eine Niederlage ist nicht schönzureden. Doch, sie geht vorbei. Und darum geht es: Fokus auf das Positive.

  • 1. Tipp

    Stress ist eine Stolperfalle

    Wie ich bereits erklärte, verlässt sich das Gehirn auf Gewohnheiten. Stichwort: Überleben. Stress interpretiert unser Gehirn als Gefahr. Um diese zu "überleben" wird es auf jenes Verhalten zurückgreifen, dass Dir bisher immer das Wohlergehen gesichert hat. Je gestresster Du bist, umso wahrscheinlicher fällst Du in die unerwünschte Gewohnheit zurück. Auch wenn es schwer ist, achte Dich im Stress besonders auf Deine Wortwahl.

  • 2. Tipp

    Gemeinsam stark

    Sprich mit Deiner Familie und Deinen Freunden. Erzähle Ihnen, was Du vorhast und warum. Mit etwas Glück oder einer guten Überzeugungsgabe bist Du bald nicht die einzige Person, die sich in Deinem Umfeld auf Ihre Sprache achtet. Je mehr Ohren aufmerksam gespitzt sind, desto weniger Fehler fliegen unter dem Radar und desto weniger lasst Ihr Euch gegenseitig durchgehen. Kleiner Bonus: Gemeinsam macht das Ganze mehr Spaß 😉

  • 3. Tipp

    Visualisieren

    Oft flutschen die unerwünschten Wörter durch, wie die ein nasses Stück Seife. Es gibt einen kleinen Trick um Dich auf diese Wörter zu sensibilisieren:

    Stell Dir das Wort vor. Es steht in schwarzen Buchstaben auf einem Blatt Papier. Nimm das Papier vom Tisch, seh es Dir ein letztes Mal an und knülle das Papier zu einer festen Kugel. Siehst Du die vielen Knitter, hörst Du das Papier rascheln? Jetzt wirf den Papierball über Deine Schulter. Hast Du gehört? Er ist im Papierkorb gelandet.

    Wenn ich bemerke, dass mir ein Wort immer wieder entwischt, visualisiere ich das eben beschriebene. Zumindest mir hilft dieser Trick, vielleicht auch Dir?

Und nun?

Üben, üben, üben!

Und dann kam der Körper und wollte auch noch mit mischen. Ja, auch die Körperhaltung beeinflusst uns. Im Übrigen untersucht das Neuro-Linguistische Programmieren (NLP) die Muster, die durch die Interaktion zwischen dem Gehirn, der Sprache und dem Körper kreiert wird, und die sowohl effektives als auch ineffektives Verhalten produzieren können. Wer sich für NLP interessiert, kann sich mit mehr Lesestoff eindecken. Lass Dich davon aber nicht beirren, wie Max Planck feststellte: Niemals aufgeben und immer dranbleiben!

Auch eine Enttäuschung, wen sie nur gründlich und endgültig ist, bedeutet einen Schritt vorwärts.

Max Planck